Wir schreiben das Jahr 1901,
Die beiden Teilstrecken der Kreiseisenbahn Osterode, seit 1898
bis Förste und seit 1899 von Willershausen nach Kreiensen, sind in Betrieb. Am
1. Mai wird die mittlere Teilstrecke von Förste nach Willershausen durch den
Westerhöfer Wald feierlich eröffnet. Nach vier Jahren Bauzeit können die Züge
zum ersten Mal von Osterode bis Kreiensen durchfahren.
Die Northeimer Zeitung schreibt Ende des Jahrhunderts,
dass Infolge der Eröffnung der Bahn nach Kreiensen, die Industrie in Calefeld
sich bedeutend zu heben scheint. Neben den vielen Bötchereien und der
mechanischen Weberei des Herrn Ude hat Herr Kaufmann Nolte jetzt auch eine
mechanische Weberei erbauen lassen, in der der Betrieb demnächst eröffnet
werden wird. Bei diesem Emporblühen unseres Ortes ist der Bahn- und Postverkehr
so bedeutend wie in keinem anderen Dorfe der Umgegend. Infolgedessen hofft man
denn auch, daß die hiesige Postagentur bald in ein Postamt umgewandelt werden
wird.
Bahnhof Oldershausen, Frühstück der Festgesellschaft.
Foto/Quelle: Jobst Freiherr von Oldershausen
am 2. Mai berichtet die Osteroder Kreiszeitung,
über die Eröffnung der Kreis-Eisenbahn.
"Der gestrige Tag war für die Stadt und einen großen
Teil des Kreises Osterode ein ereignisvoller Tag, denn an ihm konnte die
feierliche Eröffnung der Gesamtstrecke der Kreiseisenbahn stattfinden, nachdem
vor einiger Zeit die Arbeiten der noch nicht in Betrieb gestellten Strecke
vollendet worden waren. Zu der Feier waren Einladungen ergangen unter anderem an
die Spitzen der Provinzialverwaltung, der Regierung zu Hildesheim, an die
Eisenbahndirektion Kassel sowie an die städtischen Behörden und diejenigen des
Kreises. Der einladung war in zahlreicher Weise entsprochen worden. Um 10 Uhr
vormittags setzte sich der aus drei Wagen bestehende mit Tannegrün und Fähnchen
geschmückte Sonderzug von der Station Osterode in Bewegung, der die Festgäste
nach der Endstation der Kreiseisenbahn, Kreiensen, bringen sollte. Findt schon
ein gewöhnlicher Zug die Beachtung aller derjenigen, in dessen Nähe er vorüberfährt,
so war dies in noch viel größerem Maße bei dem geschmücktem Sonderzuge der
Fall; überall hielten die auf Feldern beschäftigten Landarbeiter in der Thätigkeit
inne und gaben ihrer Freude an dem Ereignis durch Tücherschwenken oder Lüften
der Kopfbedeckung einfachen aber lebhaften Ausdruck. Die Strecke bis Förste,
die den meisten Gästen schon bekannt gewesen seien dürfte, bietet schon
manchen anmutiges Landschaftsbild, aber noch viel interessanter ist die Gegend,
die die Bahn hinter Förste durchquert. Gleich hinter diesem Ort geht es in
ziemlicherheblicher Steigung dem Westerhofer Berg entgegen und nachdem die Bahn
den 13 Meter hohen Viadukt überfahren hat, der das Goldbachthal überspannt,
erfolgt die Einfahrt in den 497 (467) Meter langen Tunnel, der durch den
Westerhofer Berg und zwar 95 (42) Meter unter der Erde hat gebohrt werden müssen.
Hier sind die größten Terrainschwierigkeiten auf der gesamten Bahnstrecke zu
überwinden gewesen und dadurch hat sich auch die Eröffnung der Bahn länger
hinausgezogen, als erwartet werden konnte. Der Tunnel wurde in 1 1/2 Minuten
durchfahren. Während draußen eine warme, frühlingsmäßige Luft herrschte,
war während der Durchfahrt durch den Tunnel eine recht kühle Temperatur zu
verspühren. Nach passieren zweier (3) kleinerer Brücken wurde das zweite größere
Bauwerk der Eisenbahnlinie, der 62 Meter lange und 23 Meter hohe Viadukt
erreicht.
Bald darauf lief der Zug in die festlich geschmückte Station Westerhof ein, wo
sich nicht nur eine größere Menschenmenge, sondern auch eine Musikkapelle
eingefunden hatte, die den Zug mit lustigen Weisen empfing. Auch die übrigen
auf preußischem Gebiete liegenden Stationsgebäude und zwar in Willershausen,
Oldershausen, Echte, Calefeld, und Sebexen trugen zur Feier des Tages
Festschmuck. Nach knapp 1 1/2 stündiger Fahrt wurde die Endstation Kreiensen
erreicht, wo bis auf das Eintreffen einiger mit der Staatsbahn kommenden Festgäste
gewartet wurde.
Die Rückfahrt wurde in Oldershausen unterbrochen. Der Herr Erbmarschall von
Oldershausen hatte die Festgäste zu einem Frühstück, das, als der Zug in die
Station einfuhr, auf langen Tafeln bereit stand. Im Namen des alten Amtes
Westerhof begrüßte der Erbmarschall die Festversammlung und gab seiner Freude
Ausdruck, daß das Werk endlich soweit gediehen sei. Im weiteren versicherte er,
daß der heutige Tag allen Bewohnern des alten Amtes Westerhof unvergeßlich
bleiben werde.
Insbesondere warme Begrüßungsworte richtete der Erbmarschall an die zu der
Feier erschienenen Vertreter der Behörden, dabei die Bitte aussprechend, daß
sie auch weiterhin dem Unternehmen ihr Wohlwollen schenken möchten. Dann
ergriff der Bürgervorsteher Wiederholt das Wort, der auf die Schönheiten der
Gegend, die die Bahn durchfährt, in humorvoller Weise hinwies, dem Herrn
Erbmarschall im Rahmen der übrigen Festgäste für das reichliche und
vortreffliche Frühstück dankte und ein Hoch auf denselben ausbrachte, in das
allseitig freudig eingestimmt wurde.
Gegen 1/2 3 Uhr langte der Sonderzug wieder in Osterode an. Den Schluß der
Feier bildete ein Festessen, das Im Hotel Kaiserhof stattfand und um 3 Uhr
begann".

Festgemeinde vor dem geschmücktem Zug Foto/Quelle: E.
Bubbe Osterode

"Das Neueste von
gestern", Osteroder Kreis-Anzeiger, 3.5.97
Der Bahnbau Osterode-Kreiensen
wird nunmehr mit allem Eifer betrieben. Nachdem jetzt geeignete
Locale für den Bahnbüreaus gemietet, und zum 1. Mai noch acht
Techniker engagiert sind, wird zunächst der Bau der westlichen
Theilstrecke Kreiensen-Westerhof in Angriff genommen und, wie man
hofft, noch in diesem Jahre betriebsfertig werden. Nicht
unwahrscheinlich ist es, daß man den im mittleren Theil der
Bahnlinie liegenden Westerhöfer Höhenzug in entsprechender Höhe
durch einen Tunnel durchbricht und so ungefähr 5 Kilometer der
Bahnstrecke spart. Bei Bestimmung der Lage der Bahnhöfe werden
die Wünsche der betreffenden Gemeinden berücksichtigt werden;
über die Lage des Bahnhofs Osterode ist eine Bestimmung
allerdings noch nicht getroffen, jedoch steht es fest, daß
derselbe in unmittelbarer Nähe des Staatsbahnhofes allhier zu
liegen kommt.

"Mit Schmalspur in
den Harz", Sonderdruck von 1979
Man kann wohl ohne Übertreibung
sagen, daß die Kreisbahn Osterode - Kreiensen zu den
reizvollsten Schmalspurbahnen gehörte, die es in der BRD überhaupt
gab. Einige Gründe dafür seien hier genannt: die in
Westdeutschland ausgefallene Spurweite von 750 mm, die
steigungsreiche, durch Wald und Feld führende Strecke mit ihren
Kunstbauten und schließlich noch die auis der schwierigen
Trassierung resultierenden betrieblichen Besonderheiten. Im Jahre
1898 eröffnete die Bahn ihre erste Teilstrecke; mit Ablauf des
Jahres 1967, also vor zwölf Jahren, hörte der Schmalspurbetrieb
endgültig auf. Es gilt also, knapp siebzig Jahre
Betriebsgeschichte nachzuzeichnen.
Zweck der Kleinbahn war es, die
zwischen Osterode und Kreiensen liegenden Orte an das Bahnnetz
anzuschließen. Als problematisch erwies sich dabei der zu überwindende
Höhenunterschied (die Strecke enthielt Steigungen bis 1:40). Die
Trassenführung, für die man sich letztlich entschied, machte
den Durchstich eines Scheiteltunnels und die Anlagen zahlreicher
Talbrücken erforderlich. Um die Baukosten so gering wie möglich
zu halten, entschied man sich für 750 mm Schmalspur.
Die Initiative für den Bahnbau
ging vor allem auf den Kreis Osterode zurück. Die Baukosten -
insgesamt beliefen sie sich auf 3 749 965 Mark - wurden zum überwiegenden
Teil von Provinz und Staat aufgebracht. Am 21. März 1898
erteilte Preußen die Konzession die für die auf seinem
Territorium gelegenen 26,10 km, am 14. August desselben Jahres
folgte die Konzession für den braunschweigischen Abschnitt (6,54
km). Beide Konzessionen lauteten auf 100 Jahre.
Die beiden Streckenenden waren
als erstes fertiggestellt. Ihre Eröffnung erfolgte zum 19.
Dezember 1898 für den Abschnitt Osterode - Förste (9,4 km) bzw.
zum 2. Oktober 1899 für Kreiensen - Westerhof (15,8 km). Das
Zwischenstück Förste - Westerhof konnte erst nach Durchstich
des dazwischenliegenden 466,6 m langen Tunnels in Betrieb
genommen werden, womit die gesamte Strecke mit ihren 32,64 km
befahrbar war.
Der genannte Tunnel war nicht
der einzige aufwendige Kunstbau der Kleinbahn. Auch Tal- oder
Straßenüberquerungen wurden entweder mit eisernen
Konstruktionen oder gemauerten Viadukten bewältigt. Allein im
Staatsforst Westerhof gab es derer drei: zwei Steinviadukte, der
eine ca. 120 m, der andere ca. 30 m lang, sowie eine ca. 15 m
lange Eisenträgerkonstruktion.
Im Laufe der Jahre wurden
zahlreiche Nebengleise angelegt, so daß 1935 insgesamt 41,62 km
Strecken- und Betriebsgleise erreicht waren, zu denen acht
Privatanschlüsse mit nochmals 1,48 km Gesamtlänge kamen.
Zweifellos idyllisch lag dabei der Anschluß im Westerhöfer
Staatsforst. Auf rund 200 m führte er in den Wald hinein und
diente zur Holzverladung.
Von den Endpunkten abgesehen
verfügten die Unterwegsstationen Kalefeld, Echte,
Oldershausen, Willershausen, Westerhof und Förste über massive
Steinbauten als Empfangsgebäude, an die sich Güterabfertigung
und Nebengebäude anschlossen. Die Größe dieser Bauten auf der
750-mm-Bahn deuteten schon an, welche herausragende Rolle diese
Bahn einmal gespielt hatte.
Die auf der Kreisbahn beförderten
Güter waren recht vielfältig. Sie reichten von Erzen aus der
Grube Kalefeld über andere Bergbauprodukte wie Steine und Gips
bis zu landwirtschaftlichen Erzeugnissen (Rüben u. a.) und Holz.
Bei letzteren gab es - jahreszeitlich bedingt - Schwankungen.
Hinzu kam, daß die Bahn überwiegend abtransportierte, während
umgekehrt nur wenig antransportiert wurde. Die Folge waren
umfangreiche Leerwagenfahrten, die für die Betriebseinnahmen
nichts "brachten".
Immerhin gelang es der
Kreisbahnverwaltung auf Jahrzehnte hin, ein ausgeglichenes
finanzielles Ergebnis zu erhalten. 1908/09 z.B. standen
Betriebsausgaben in Höhe von 104 667 Mark Einnahmen von 123 074
Mark gegenüber. Ähnlich war es 1935: Betriebsausgaben 167 104
Mark, Betriebseinnahmen 182 115 Mark, davon mehr als zwei Drittel
aus dem Güterverkehr.
Was letzteren angeht, so
bewegten sich die Leistungen über sechzig Jahre hin um 50000 bis
60000 t/Jahr, für eine Schmalspurbahn eine beachtliche Leistung.
Zum Beispiel:
1908/09 ..... 45900 t
1935 .....59200 t
1959 .....56000 t
1960 .....63700 t
Im Zusammenhang mit dem Güterverkehr
verdient die Grube Echte in Kalefeld besondere Erwähnung. Schon
Ende der dreißiger Jahre war auf dem Abschnitt Kreiensen -
Kalefeld (7,9 km) eine dritte Schiene eingebaut worden.
Gleichzeitig damit bekam die Eisenerzgrube ein davon abzweigendes,
recht langes Anschlußgleis. Eigentümerin und Betriebsführerin
dieses 1435 mm-Gleises war zunächst die Deutsche Reichsbahn,
dann die Deutsche Bundesbahn. Die Kreisbahn verfügte bis 1962 über
kein eigenes Normalspur-Fahrzeug als Zuglok. 1962 dann kaufte die
Bahn eine dreiachsige Henschel-Diesellok, um den Güterverkehr in
eigener Regie zu übernehmen. Ironie des Schicksals: schon im
Jahr darauf schloß die Grube ihre Tore und das Anschlußgleis verkrautete.
Die Schmalspurschiene zwischen
Kreiensen und Kalefeld wurde im November 1962 ausgebaut. Damit
war praktisch die Möglichkeit genommen, durchgehende Personen-
oder Güterzüge laufen zu lassen. Für den Personenverkehr war
dies keine gravierende Tatsache, denn in den Jahren zuvor war er
weitgehend auf Busse umgestellt worden. Dies brachte den
betrieblichen Vorteil, daß die Strecke den ganzen Tag über für
den Güterverkehr frei war, ohne daß kreuzende Personenzüge
abgewartet werden mußten. Überdies wurden so auch die
Triebwagen für den Einsatz im Güterzugdienst weitgehend frei.
Andererseits ergab sich in den frühen sechziger Jahren mehrfach
die Situation, daß Busersatzverkehr mit Triebwagen gefahren
werden mußte, weil Frostaufbrüche die Straßen erheblich beschädigt
hatten.
Anfangs bestanden Rollbockgruben
in Kreiensen und Osterode. Es war nämlich schon von Anfang an
daran gedacht, auch normalspurige Güterwagen über die Kleinbahn
zu transportieren. Dies erforderte vor allem ein entsprechendes
Profil des Tunnels (etwas, was man z.B. bei der Altenaer
Eisenbahn vergessen hatte, weswegen hier Rollbock- oder
Rollwagenbetrieb nie möglich war). Auch nach Einführung des
Dreischienenbetriebs bis Kalefeld erfolgte die Umladung der über
Kalefeld hinaus laufenden Güterwagen in Kreiensen. 1960 war
sogar beabsichtigt, die dritte Schiene auszubauen, stattdessen
ein Normalspurgleis über Kalefeld hinaus bis Willershausen (13,5
km hinter Kreiensen) zu legen und dort eine Rollbockgrube statt
der in Kreiensen anzulegen. In den folgenden Jahren wäre dann
normalspurig von Osterode aus zu bauen gewesen, bis hin zum
Anschluß in Willershausen. Daraus wurde freilich nichts mehr.
Vielmehr bekam Kalefeld 1962 eine Rollbockgrube, wodurch der
Schmalspurbetrieb Kreiensen - Kalefeld hinfällig wurde und
hinfort betrieblich die beiden Abschnitte Kreiensen - Kalefeld (Normalspur,
nur Güterverkehr) und Kalefeld - Osterode (Schmalspur, Güterverkehr
und Rest-Personenverkehr) bestanden.
Bis zum Mai 1967 gab es noch ein
werktägliches Personenzugpaar Osterode - Kalefeld. Vom 27. Mai
1967 an verschwand auch dieses aus dem Fahrplander Kreisbahn, nur
im Bundesbahnkursbuch blieb es bis zum Ablauf des
Sommerfahrplanes stehen. Damals schon stand fest, daß der
Kreisbahn kein langes Leben mehr beschieden sein sollte, denn mit
der Grube Echte war ein wichtiger Verfrachter ausgefallen. Auch
wenn 1963 insgesamt 113 000 und 1966 sogar 115 900 t Güter befördert
wurden, war das Ende der schmalspurigen Kreisbahn beschlossene
Sache. Fristgemäß stellte sie zum 31. Juli 1967 den Abschnitt
Kalefeld - Förste und zum 30. August desselben Jahres die
Fortsetzung Förste - Osterode ein. Übrig blieb bis zum
Jahresende der schmalspurige Anschlußverkehr im Bahnhof Osterode.
Lediglich der normalspurige Streckenabschnitt Kreiensen -
Kalefeld wurde weiterhin aufrechterhalten.
Als Grund für die Stillegung
wurde vor allem der desolate Zustand der Streckeneinrichtungen
genannt. Um die Gleise wieder instand zu setzen, wären
umfangreiche Investitionen erforderlich gewesen. Hinzu kam, daß
die Kleinbahntrasse stellenweise einen großzügigen Straßenausbau
behinderte. So wurde die Bahn denn auch in Windeseile abgebrochen,
ehe noch Museumsbahnpläne auf dem landschaftlich schönsten
Streckenteil zwischen Westerhof und Förste ernsthaft diskutiert
werden konnten.
Zeit ihres Bestehens besaß die
Kleinbahn insgesamt zehn Dampfloks unterschiedlicher Bauart. Mit
fünf Dreikupplern von Henschel war der Betrieb seinerzeit eröffnet
worden. Die letzte von ihnen schied erst nach 1960 aus. Zwei BB-Mallets
von Orenstein kamen 1907 und 1910 hinzu. Eine ging 1935 an Lingen
- Berge - Quakenbrück, die andere kehrte aus dem 1. Weltkrieg
nicht zurück. 1938 beschaffte die Kreisbahn erneut einen
Henschel-Dreikuppler, fabrikneu, und 1946 kamen aus Beständen
der Heeresfeldbahn je eine Eh2 und eine Ch2 (Jung 1939 bzw.
Henschel 1942) zur Kreisbahn. Bis 1960 waren diese drei
letztgenannten Dampfloks ausgemustert bzw. verkauft.
Die Verdieselung hatte schon
1935 eingesetzt. Damals kaufte die Bahn einen Vierachser-Triebwagen
der Waggonfabrik Dessau. Ein zweiter Vierachser kam 1954 in
Gestalt des T 2 fabrikneu von der Waggonfabrik Talbot in der
Schmalspurversion, wie er sonst nur in zwei Exemplaren für die
Kreis Altenaer Eisenbahn (später Inselbahn Juist bzw. Langeoog)
geliefert wurde. 1957 schließlich kam altbrauchbar der 1934
ebenfalls von der Dessauer Waggonfabrik gebaute T 3 von der Hümmlinger
Kreisbahn. Mit diesen drei Triebwagen wurde der weitaus größte
Teil des Schienen-Personenverkehres bewältigt. Nach der
weitgehenden Betriebseinschränkung wurden die Fahrzeuge für den
Güterverkehr frei, so daß die Dampfloks nach und nach
ausscheiden konnten.
Die Verdieselung des Güterverkehres
wurde 1963 durch die Übernahme der BB-Lokomotive Nr. 30 der
stillgelegten Kreisbahn Emden - Pewsum - Greetsiel (Jung 1957)
fortgesetzt. Für den Bahnhofsverkehr im Bahnhof Osterode
beschaffte man eine kleine zweiachsige Diesellok, die 1953 bei
Jung gebaut worden war. Sie hatte zuvor auf einer Industriebahn (Hoechst)
Dienst getan.
Für den normalspurigen
Streckenabschnitt war 1962, wie bereits erwähnt, eine
dreiachsige Henschellok (DH 360) in Dienst gestellt worden.
Diese besorgte außer dem Güterzugdienst bis Kalefeld auch
umfangreiche Rangierleistungen der DB im Bahnhof Kreiensen.
Wenn die Triebwagen im Güterzugdienst
eingesetzt wurden, mußte auf der Gefällstrecke vom Tunnel an
vom Zugschluß aus gebremst werden. Der Bremser verschwand von
dem Moment an, als zwei Triebwagen für die Güterzüge
eingesetzt wurden. Dabei blieb der zweite Triebwagen am Zugschluß,
drückte den Zug bis auf den Scheitelpunkt und fungierte von da
an bis zum nächsten Bahnhof als Bremswagen. Sofern es sich um
einen kleinen Güterzug handelte, kehrte der zweite VT dann als
Leerzug zurück; andernfalls wurde der Zug geteilt und von zwei
Triebwagen getrennt weiter befördert.
Bis zur Betriebseinstellung
herrschte auf der Bahn ein äußerst reger Verkehr. So war noch
im Juli1967 an Samstagen nicht selten ein bis zu 15 Güterwagen zählender
Güterzug bei der Einfahrt in den Wechselbahnhof Kalefeld zu
sehen. Dies änderte nichts daran, daß am 1. Januar 1968 der
Schmalspurbetrieb der Kreisbahn Osterode - Kreiensen aufgehört
hatte zu bestehen. Einige Zeit noch halfen die Fahrzeuge beim
Streckenabbruch. Als dieser im Sommer abgeschlossen war, sammelte
man die noch brauchbaren Fahrzeuge auf einem Gleisstück im
Bahnhof Osterode.
Der moderne Talbot-Triebwagen
wurde im September 1968 gemeinsam mit den beiden VB 21 und 22 (Elze-Aufbau
auf Güterwagendrehgestelle, 1950 fertiggestellt) zur
Zillertalbahn überstellt, wo er seither im Wechsel mit der
holländischen RTM-Garnitur Dienst verrichtet. Im November 1968
kaufte die SWEG für ihre Bahn Möckmühl - Dörzbach den
Dessauer T 1 als VT 30 und 1970 verließ auch die kleine Junglok
V 11 Osterode in Richtung Dörzbach, wo sie als V 22.03 läuft.
Die vierachsige Junglok V 30 war noch im August 1967 zuschanden
gefahren worden und rostete seither mit Achsbruch in Osterode
ihrer Verschrottung entgegen. Das gleiche Schicksal ereilte den
Dessauer T 3, der schon in den Jahren zuvor meist abgestellt war.
Einige Schmalspur-Wagen fanden anderweitige Käufer, den Rest
verschrottete man. Der Harz war damit um eine Schmalspurbahn ärmer.
